Forum Fachdidaktik ERG: Im Gespräch mit Bezugsdisziplinen – Jahrestagung vom 6. September 2022 an der PHSG in St. Gallen

Das Fach ERG ist auf gutem Wege, sich in der Bildungslandschaft Schweiz zu etablieren. Zahlreiche Debatten, Fachdidaktik-Publikationen und Lehrmittel zeugen davon, dass die Fachvertreter:innen an den PHs erste Profilierungen modelliert und erfolgreich umgesetzt haben.
Im religionskundlichen Bereich sind die Bezüge zur vergleichenden Religionswissenschaft bzw. zur philosophischen Ethik und Unterscheidungen gegenüber konfessionellen religionspädagogischen Konzepten notwendige Aspekte der Fachentwicklung. Die Frage nach den Bezugsdisziplinen und dem Verhältnis zu ihnen bleibt aber auch für die Zukunft ein zentrales, der Heterogenität des Fachbereichs geschuldetes Thema.

Der Morgen der Tagung möchte für diese Verhältnisbestimmung Raum geben. Folgende Leitfragen stehen dabei im Zentrum:

– Was bedeutet Interdisziplinarität im Rahmen der Fachdidaktik ERG? Gibt es übergreifende Kriterien zur Verhältnisbestimmung zwischen Fachdidaktik und einzelnen Bezugsdisziplinen oder wird eher eine pragmatische, von situativer Brauchbarkeit geprägte Bezugnahme erkennbar?
– Welche neueren Erfahrungen, Konzepte und kritischen Prozesse in verschiedenen Bezugsdisziplinen können für den ERG-Sachkundeunterricht fruchtbar gemacht werden?
– Was können beispielweise Konzepte und Modelle aus Religionswissenschaft einerseits und Religionspädago-gik andererseits für ein Fachverständnis von ERG, das sich im Horizont der Sachunterrichtsdidaktik versteht, leisten und wo liegen ihre jeweiligen Besonderheiten oder Abgrenzungen?
– Inwiefern können im kritischen Diskurs didaktische Konzepte der konfessionellen Religionspädagogiken für ein Fachkonzept ERG fruchtbar gemacht werden?

Programm:
9.45h Eintreffen bei Kaffee und Brötchen (Bus kommt um 9.44h an)
10.10h Begrüssung
10.20h «Bezugswissenschaften der Islamischen Religionspädagogik und ihr Potenzial für das Fach» Impulsreferat aus religionspädagogischer Sicht von Prof. Dr. Fahimah Ulfat (Professur für Islamische Religionspädagogik am Zentrum für Islamische Theologie (ZITh) der Eberhard Karls Universität Tübingen)
10.45h Rückfragen
11.00h «Religionswissenschaft als Bezugsdisziplin im Spannungsfeld zwischen Didaktik und Politik» Impulsreferat aus religionswissenschaftlicher Sicht von Ass. Prof. Dr. Andrea Rota (Assistenzprofessur am Institut für Religionswissenschaft der Universität Bern)
11.30h Rückfragen, Offene Diskussion, Moderation Rolf Bossart
12.30h Mittagessen

Am Nachmittag soll Raum und Zeit sein, um Projekte, Entwicklungen und Neuigkeiten aus den Hochschulen, aus Lehre und Forschung vorzustellen, Diskussionsrunden anzuregen etc.

13.30h Workshopsession A
14.10h Workshopsession B
14.50h Pause
15.00h Jahresversammlung
16.00h Ende der Veranstaltung (Bus fährt um 16.14h ab)
Fakultativer Ausklang «Trouvaillen der Gallusstadt» (Spaziergang zum Bahnhof)

Anmeldung bis am 15. August 2022
Direkt via Forms-Formular.

Kosten:
Die Kosten der Tagung werden vom Verein Fachdidaktik ERG (SGL) und der Pädagogischen Hochschule St. Gallen übernommen. Mittagessen geht auf Kosten der Teilnehmenden.

Tagungsort:
Hochschulgebäude Hadwig der Pädagogischen Hochschule St. Gallen, Notkerstrasse 27, 9000 St. Gallen.

Workshopsession A

Workshop 1: Konsequenzen eines kulturwissenschaftlichen Verständnisses von Religion für Ausbildung und Unterricht in Religionskunde

Mit Petra Bleisch (PHFR) & Dominik Helbling (PHLU)
Dieser Beitrag geht davon aus, dass kulturwissenschaftlich arbeitende akademische Disziplinen (wie Religionswissenschaft, Sozial- und Kulturanthropologie, Geschichte, u.v.m.) die für den schulischen Religionskundeunterricht relevanten Bezugsdisziplinen darstellen. Gemeinsam ist diesen Disziplinen die Konzeptualisierung von Religion als sozialer Konstruktion. Religion entsteht in und durch menschliches Handeln. Menschen kommunizieren, reproduzieren, tradieren, kritisieren und verändern Religion. Religiöse Traditionen stellen dabei Schemata und Muster zur Verfügung, mit denen die Menschen die Welt deuten und diese wiederum gestalten. Religion wird dabei immer wieder von Neuem in der alltäglichen Praxis hergestellt. Diese Praxis ist jeweils eingebettet in einen bestimmten historischen und soziokulturellen Kontext und von Interessen und Machtstrukturen beeinflusst.

Dieses Religionsverständnis hat Implikationen für bisherige fachdidaktische und unterrichtspraktische «Gewohnheiten». Zum einen stellt ein solches Religionsverständnis die Ordnung der religiösen Welt durch das Konzept der Weltreligionen in Frage. Grenzziehungen zwischen «Religionen» sind konstruiert und kontingent und dienen jeweils bestimmten Interessen. Zudem gründet das Weltreligionenkonzept in rassistischen und kulturalistischen Denkmustern. Sein Gebrauch in Ausbildung und Unterricht ist daher aus sachlichen wie ethischen Gründen überholt. Zum anderen legt ein solches Religionsverständnis den Schwerpunkt auf die alltägliche Praxis von Menschen und insbesondere auf Interaktionen zwischen Menschen. Für den Unterricht bedeutet dies, dass er nicht Antwort auf persönliche (existentielle) Fragen und Bedeutung für die individuelle Lebensführung von Schüler:innen sein kann, sondern kulturwissenschaftliche Bildung.
Allerdings stellt sich die Frage, was anstelle dieser bisherigen «gewohnten» Unterrichtsinhalte treten soll, was bislang erst in Ansätzen diskutiert wurde. Der Workshop setzt hier ein und will mit den Teilnehmenden folgende Fragen kritisch diskutieren: Welche Konsequenzen hat ein kulturwissenschaftliches Religionsverständnis für Ausbildung und Unterricht? Was sind passende exemplarische Lerngegenstände? Welche Beobachtungen und Erfahrungen wurden bislang mit einer solchen Ausrichtung gemacht? Was sind dabei besondere Herausforderungen? Welche weiteren Entwicklungen geben sich daraus für die Weiterentwicklung der religionskundlichen Didaktik? Welche Zuständigkeiten ergeben sich daraus für die drei Perspektiven Ethik, Religionen, Gemeinschaft?

Workshop 2: Moscheen als ausserschulische Lernorte für muslimische Jugendliche

Mit Nadire Mustafi (PHSG): Dissertationsprojekt zu islamischem Religionsunterricht

Wie lässt sich Religionsunterricht in Moscheegemeinden gestalten, sodass er komplementär zum schulisch-deskriptiven Unterricht über den Islam sein kann?

Gemäß Bundesamt für Statistik in der Schweiz gehören 5% der Schweizer Bevölkerung dem Islam an. Trotz wachsender Säkularisierungstendenz bleibt das Thema Religion allgemein eines, das immer wieder öffentliche Aufmerksamkeit erfährt. Etwa der Hälfte der eidgenössischen Bevölkerung sind Religion und Spiritualität im Alltag wichtig, und hier insbesondere im Zusammenhang mit der Erziehung von Kindern.
Im Schulischen Kontext werden Religionen im Zuge des Lehrplan 21im Bereich NMG bzw. ERG thematisiert und das aus religionswissenschaftlicher Perspektive. Nur in jenen Kantonen, die aus historischen Gründen einen konfessionellen Unterricht an öffentlichen Schulen bereits in der Vergangenheit angeboten hatten, ist dieser heute noch als Teil der Stundentafel erhalten geblieben. Das jedoch nur für die anerkannten Landeskirchen und Religionen, was auf den Islam nicht zutrifft. Daher könne muslimischen Organisationen hinsichtlich der Frage nach religiöser Bildung eine bedeutende Rolle zukommen.
Daher geht es in diesem Beitrag um die Frage, wie Religionsunterricht in Moscheegemeinden gestaltet wird und ob er komplementär zum schulisch-deskriptiven Unterricht über den Islam sein kann, ohne den Glaubensbezug zu vernachlässigen.

Im Zuge eines Dissertationsvorhabens wurden schweizweit 10 Lehrpersonen und 8 Schüler*innen anhand von narrativen Interviews befragt, die religiösen Unterricht erteilten bzw. besuchten. Das empirische Datenmaterial wurde anhand der Dokumentarischen Methode nach Bohnsack/Nohl ausgewertet. Ziel ist es dabei die handlungsleitenden Orientierungsrahmen der Lehrpersonen und Jugendlichen zu rekonstruieren. Zu einem späteren Zeitpunkt sollen diese miteinander im Vergleich gesetzt werden, um damit der hier genannten Frage auf dem Grund zu gehen.

Workshopsession B

Workshop 3: Für welche Themen interessieren sich Jugendliche im Religions- und Ethikunterricht?

Mit Bernhard Rotzer (PHVS)

In den Fachmittelschulen (SEK II) im Kanton Wallis gehört das Fach «Ethik und Religiöse Kulturen» im ersten Schuljahr zum obligatorischen Fächerkanon. Pro Woche werden 2 Stunden Ethik- und Religionsunterricht angeboten.

In diesem Beitrag geht es um die Frage, für welche religiösen und ethischen Themen sich Jugendliche interessieren. Sind die Interessensgebiete vielfältig oder gibt es unter den Jugendlichen klar bevorzugte Interessensschwerpunkte?

Um dieser Fragestellung auf den Grund zu gehen, wurden von zwei Forschern 34 Kurzarbeiten in einer bilingualen Fachmittelschule ausgewertet, welche in den Schuljahren 2020 bis 2021 entstanden sind. Die Schülerinnen und Schüler erhielten den Auftrag, eine Ihnen beliebige Person aus dem Gebiet der Religionen und der Ethik auszuwählen und einen Text zu verfassen. Dabei wurde die Botschaft, der Grund für die Personenwahl sowie die Nachhaltigkeit des Wirkens der jeweiligen Person besonders berücksichtigt.

Ausgehend von diesen Informationen werden mit der Grounded Theory nach Glaser und Strauss die Texte ausgewertet. Durch Kategorienbildungen, die aus den Texten emergieren, sollen Erkenntnisse gewonnen werden, für welche Themen sich Jugendliche besonders interessieren. In einem späteren Zeitpunkt soll dann ein Theoriebezug ausgearbeitet werden.

Workshop 4: Fachdidaktische Minimalstandards für das Fach ERG

Mit Mirjam Schallberger (PHLU) &Urs Schellenberg (PHZH):

An den Pädagogischen Hochschulen werden Lehrpersonen auf Primar- und Sekundarstufe dahingehend ausgebildet, dass sie im Unterricht die ERG-Kompetenzen des LP 21 umsetzen können. Der Umfang und die Schwerpunktsetzungen der Ausbildungen an den verschiedenen Hochschulen sind jedoch sehr unterschiedlich, was mitunter mit den sehr heterogenen Realitäten in den Schulen zu tun hat (WOST). Es stellt sich die dringende Frage, ob sich unter den Fachleuten von ERG ein Konsens für fachdidaktische Minimalstandard finden lässt, die einer allgemeinen Orientierung dienen könnten. Ausgehend von exemplarischen Kompetenzformulierungen aus den Pädagogischen Hochschulen Luzern, Freiburg und Zürich, sollen in Kleingruppen mögliche fachdidaktische Minimalstandards diskutiert und weiterentwickelt werden.

Dabei stehen folgende Fragen im Zentrum:

– Welche fachdidaktischen Orientierungspunkte werden von den Teilnehmenden als Minimalstandards für die Ausbildung als zentral erachtet?
– Wo gibt es Schnittmengen zwischen KU, PS und Sek 1? Gibt es auch Differenzen zwischen den Stufen?
– Was bringt eine kantonsübergreifende Verständigung zu den fachdidaktischen Minimalstandards im Bereich ERG?
– Wie gehen wir bei der Erlangung der ERG-Kompetenzen mit der unterschiedlichen Gewichtung der WOST um?

Der Workshop wird interaktiv gestaltet und beinhaltet einen kurzen Fachinput zu Entstehung & Inhalt der bestehenden Arbeitspapiere.

  • 6. September 2022
  • All Day
  • N/A

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